Die andere Seite_4

 Zeit wird´s. Hier zu schreiben.  Ich hätte schon längst mich melden und berichten wollen - aber da kam erst Urlaub und dann Wiedereieingliederungsstress in den Alltag dazwischen. So ist das halt mit dem Leben. Dafür erwartet Dich jetzt aber auch ein buntes Potpourri Ironman mit Fotos, Videos, Geschreibsel und Wegbeschreibungs-Kauderwelsch zum überspringen. 

Jetzt also schnell ab nach Kona.

Ich bin, wenn ich mich jetzt so damit beschäftige, in Null Komma nix wieder in Hawaii. Kommste mit?  

Big Island, vor gut 4 Wochen. 14. Oktober 2017. Früh morgens. Sehr früh. Handy weckt uns und ich bin sofort hellwach. Dirk kommt langsamer in Tritt. (In Wahrheit: er normal und ich etwas überdreht -innerlich gar hysterisch.) Wir machen uns fertig. Ich habe mein extra angefertigtes Begleiter-Fan-T-Shirt an. Hatte mir erhofft, damit besser in vordere Reihen zu kommen, weil man ja sieht, die muss dahin.

 

Wir reden nicht soo viel. In den anderen Wohnungen gehen auch die Lichter an. (Aber wir waren die frühesten Vögel. Zumindest die der Wohnungen, die ich sehen kann - und das sind immerhin noch......10, wenn man den noch nicht vorhandenen Lichtschein von direkt über und unter uns mitrechnet. Jedenfalls gehen kurz nach uns nach und nach auch die anderen Lichter an. Da ist Dirk schon am futtern. Kalte Nudeln vom Vorabend. Er: "Willste auch?" Ich: "Och. Iss Du mal!" (Die Wahrheit ist: hab keine Lust auf kalte Nudeln und außerdem steht ja immer noch der vielleicht vorhandene Pancake-Stand zur Disposition). Wir marschieren los. Haben einen etwa 2 km langen Weg zum Startbereich vor uns. Paradoxerweise führt der Weg zum Start direkt am Ziel vorbei. Der Weg "dahin" - das ist immer ein dolles Gefühl. So heldenhaft irgendwie. Fehlt nur noch eine epische Musikuntermalung, statt Geklimper im Hintergrund. (Die Wahrheit zeigt das Video.)

Eigentlich wollte ich mir das aufsparen, weil ich irgendwann noch einen kleinen Film für uns schneiden will und die Szene ist natürlich gesetzt.  (Mit epischer Musik versteht sich. :) Für mich ist diese Szene sehr treffend für die Situation vor Ort, zeigt sie doch genau, welche Stimmung da herrscht. Angespannt, konzentriert. Jeder auf seine Sache. Ob auf die Arbeit an der Ziel-Absperrung, oder auf den Sport, oder auf den Sportler. Alle sind unterwegs und alle sind auf eine positive Weise angespannt. 


 

Wenn ich jetzt in dem Tempo weiter erzähle, dann wird das auch ein epischer Blogeintrag. Will man das? ich weiß nicht so recht. Ich straffe es mal ein wenig.  Wir kommen also am Wettkampfbereich an. Dirk geht zum "Bodypainting" (In Wahrheit: da kriegt man die Startnummer als Aufkleber drauf. Gepainted wird da nix, war wohl früher mal so. Aber, es heißt halt immer noch so.) Ich muss mal.  

Waaaaas??? Ja. Es ist leider tatsächlich ein Thema, was mich zu verfolgen scheint bei Ironman-Rennen. Es ist echt wahr und nicht dahin geflunkert, um hier witzig zu sein. Ich würde mir auch wirklich heldenhaftere Geschichten andichten. Verdammt. Diesmal also nicht am Ende des Rennens, sondern zum Start. Und es hat verheerende Auswirkungen.

 Ich finde keine Toilette. Denn die einzige, die nicht weit weg ist, ist die im Wettkampfhotel. Und da ist eine richtig lange Schlange bei den Damen. Im prüden Amerika wage ich mich nicht, bei den Herren reinzuhuschen. Bevor Dirk also vom Bodypainting zurück kommt, muss ich zurück sein, sonst finden wir uns hier nicht mehr. Also, wieder zurück. Wir machen ein paar Fotos: 

 

Wir quatschen ein bißchen. Dirk zieht sich um. Inzwischen ist es hell geworden. Und wir machen noch ein paar Fotos vom entspannten Familienausflug. (Leider kann ich diese Form der Fotoanzeige nicht kleiner machen. Naja. Guck uns halt in groß an. :) )

Am Ende bin ich derjenige, der sich zuerst verabschiedet. Ich wünsche meinem Flitzi alles Gute und gebe ihm gute Ratschläge (hihihi) und viel Liebe und dicke Knutscher mit auf den Weg. (In Wahrheit: ich habe ihn förmlich losgeschickt, denn ich muss jetzt ein Klo finden.) Diese nervige Sachlage führt  schließlich zu folgendem:

1. Lange angestellt, aber Thema erledigt.

2. Ich bleibe aus gefühlter Zeitknappheit anschließend auf der falschen Straßenseite, weil es nicht so einfach aussieht auf die richtige zu kommen, da wo man gut sehen kann beim Schwimmstart. Es ist da auch unheimlich viel abgesperrt und aufgebaut und nach dem schwimmen muss ich auf der anderen Seite sein, da wo es mit dem Rad losgeht.

3. Ich sehe das Schwimmen am Ende nur auf nem Bildschirm. Schon blöd, wenn man ja da ist.  

4. Der Start ist dann nicht so emotional für mich, wie sonst, wenn ich die vielen Sportler sehe, die sich in die Fluten stürzen und weiß: einer davon ist mein Flitzi.

5. Ich kann nicht zu 100% ausschließen, dass es den Pancake-Stand gegeben hat, vermute aber zu 99%: es gibt ihn nicht.  

 

Es gibt allerdings tatsächlich  Pancakes-so viel man will - allerdings für 9,99 $ - und zwar hier.   Ich hatte keine. Ich war überhaupt auch nicht in der Stimmung, mich da irgendwo rein zu setzen.

Zurück zum Rennen. Ich sehe nix beim Schwimmen, allerdings bin ich beim restlichen Rennen ganz gut dabei. 2 mal sehr gute Position beim Radfahren und 3 mal top beim Laufen.  Das ist auch ganz gut zu machen, weil sich erst Mal alles in der Nähe an einer Kreuzung abspielt. Kreuzung Palani Road. 

Für alle, die hier stranden, weil sie selbst nach Tipps für ihre Support-Plätze suchen:  (Alle anderen, bitte den kursiven Teil hier überspringen. Das ist langweiliges und irres Kauderwelsch für Euch. Und nein, man kann nicht einfach auf ne Karte gucken, oder die Streckenführung, die es ja in den ganzen Ironman-Publikationen gibt, anschauen. Ich bin aufgeregt. Ich kapiere es am Ende nicht. Ich brauche es konkret und "auf Nummer sicher")

Also, für ohne fahrbaren Untersatz, ich habe es so gemacht: Du stehst an dieser Kreuzung. Von unten (vom Meer) kommen die Athleten und fahren an der Kreuzung nach links. Nach gar nicht so lange, kommen sie von oben und biegen (von sich aus gesehen) nach links ab. Sie drehen irgendwo, kommen also kurze Zeit später aus der gleichen Richtung zurück und biegen von sich aus gesehen rechts ab, flitzen also die Kreuzung wieder hoch und verschwinden auf den Weg nach Hawi. So sieht man also rund um diese Kreuzung besonders viel.  Jetzt hat man erst mal Pause.  Beim Laufen ist es dann so: Wir stellen uns wieder vor an der Kreuzung mit Meer im Rücken zu stehen. Sie kommen mit dem Rad von links und biegen (von sich aus gesehen) nach rechts ab, Richtung Meer zum Rad abgeben. Sie kommen laufend zurück, wieder auf die Kreuzung zu, biegen rechts ab. Dann ein schnelles rechts links. (Ich bin vorher schon dahin, wo sie dann ankommen, nämlich am Ali´i-Drive Höhe Lava Java/Humphys. Wenn Du mit dem Rücken zum Meer stehst kommen sie von links. Laufen ne Weile und drehen wieder, laufen den gleichen Weg zurück und biegen das schnelle (kurze Wegstrecke) rechts- links ab, um wieder auf die Kreuzung zu zu laufen. Top-Point, denn diesmal wird rechts abgebogen und das ist der Teil, der steil ist, da sind sie eher nicht so flott. Nach dem EnergyLab kommen sie dann die Kreuzung wieder runter und biegen links ab, anschließend wieder rechts, links um auf den Ali í-Drive zu kommen und diesmal biegen sie rechts ab auf die Zielgerade. Schon geschafft! Das klingt jetzt total wirr, aber genauso haben wir es mir aufgeschrieben mit kleinen ungefähr-Zeiten. Und das hat super geklappt! Es spielt sich wirklich viel an der Palani-Road-Kreuzung ab und natürlich am Ali´i-Drive. Ich würde mich echt freuen, wenn das jemandem was nutzt. Bitte schreib, oder kommentiere, wenn Du das verstanden hast und es Dir etwas gebracht hat. Das wäre toll! Wenn Du ein Fahrrad hast, kannst Du auch andere Punkte erreichen. Und bestimmt gibt es noch andere Spots. Das ist einfach nur meine "auf Nummer sicher und ohne Rad-Variante."

 

Ab hier geht´s  für alle wieder weiter im Text.

An dieser Stelle noch einmal vielen lieben Dank an alle, die mir gute Tipps in Sachen Anfeuern auf weltmeisterschaftsniveau gegeben haben. Ich habe viel mitnehmen können von Euch! Anwenden konnte ich es diesmal noch nicht, denn ich habe den Flitzi nie getroffen, wenn er so richtig fertig war. So blieb mir kurzes Namen-Rufen, oder echte Kurz-Unterhaltungen. Es war also alles prima!

Bei Ironman-Rennen malen Begleiter gerne Kreidenachrichten für Ihre Lieben auf Straßen. Von Dirk weiß ich, dass solche Nachrichten immer abwaschbar vom Regen sein müssen. Also ja nix sprayen! Das kann zur Disqualifikation des Sportlers führen. Und zuerst dachte ich, das mache ich nicht.

Es ist heiß. Ziemlich heiß. Und ich gehe immer mal wieder in einen der zahlreichen ABC-Stores, um mir was kaltes zu trinken zu kaufen. Und dann kaufe ich sie doch. Die Kreide. Sie haben nur noch die doofen Farben (beige, braun und weiß).

Ich ringe mit mir und denke, der Flitzi soll auch so etwas bekommen. Schließlich hat hier irgendwie jeder was auf die Straße gekreidet.

Ich kaufe also beige und weiß und erinnere mich an ein kleines Stück Rest-Grün, was ich auf einem Mäuerchen gesehen habe. Es lag da halb verwendet rum. Ich hole es mir und finde einen geeigneten Platz für mein Straßenkunstwerk. Meine gerade gekaufte Flasche mit kalter Limo stelle ich kurz ab und male los.

Das grün ist nach FLITZ alle. Aber egal. Ich male einfach in weiß noch hinterher und ein "i" dran. Plötzlich sehe ich im Augenwinkel eine Flasche Limonade an mir vorbeilaufen. Moment. Die wird getragen. Und es ist meine Flasche. Da nimmt mir doch tatsächlich einer meine Flasche weg. Und er sieht nicht so aus, als könne er sich keine kaufen. Ja, was sagste da auf englisch? "Sir. Excuse me... this is.... the bottle is mine." Schnell stellt er sie ab und lächelt. Und ich denke mir, dass ich das gleiche ja eben mit der Kreide gemacht habe. Also niemandem weggenommen, aber genommen. Die Limo will nicht mehr so richtig schmecken. Was vielleicht auch an der grünen Kreide liegt. Die geht nämlich beim Testrubbeln nicht weg. Auch mit Spucke nicht.

Ach, Du grüne (!) Neune! Ich habe natürlich auch schön groß Dirks Startnummer dazu gekritzelt. Ich bekomme Panik.  Ich schütte etwas Limo auf ein Taschentuch. Wenn ich jetzt Schuld daran habe, dass mein Mann bei seinem großen Traum, der Weltmeisterschaft DISQUALIFIZIERT (!!!!) wird. Ich rubbel mit dem limogetränkten Taschentuch wie verrückt. Natürlich geht nur das Taschentuch kaputt und die Haut meiner Finger wird aufgerubbelt.  Panisch suche ich was besseres. Und nehme eine Trennwand aus filzigem Stoff meiner Fototasche.  Auch nicht viel besser, aber. Oh.Erleichterung. Es geht weg. Ganz leicht nur, aber alles gut. Er wird nicht disqualifiziert.  Bestimmt nicht. Puh. Ich mache beglückt ein Foto und weiß jetzt sicher, der nächste Regen spült es wieder ab. Die gefundene grüne Kreide war keine chemisch veränderte Kreide, die nie mehr weggeht und von spitzfindigen Begleitungen der Konkurrenten ausgelegt war.  Das habe ich so natürlich niemals gedacht. (In Wahrheit: in der ersten Panik schon.) Am Foto sieht man auch, wie warm es dort ist, denn das nasse neben und beim "T" sieht man schon nicht mehr. 

Dirk hat meine Straßen"Kunst" allerdings nicht gesehen während des Rennens. Was nicht daran liegt, dass ich einen falschen Platz ausgewählt habe. Da lang gelaufen ist er schon. :) Er hat einfach woanders hingeguckt und nicht darauf geachtet. Macht aber nix. Ich habe es ihm später zeigen können.

Gut 2 Stunden bevor Dirk ins Ziel kommt, suche ich dort meinen Platz. Kleine Tribünen sind aufgebaut. Und es ist überschaubar voll. Viele Frauen (und ein paar Männer), die auch alleine sind. Alle wie ich. Begleitungen, die mit Freund/Freundin/Mann/Frau/Kumpel/Cousine/Bruder hier angereist sind. Mit 3 Damen komme ich kurz ins Gespräch. Besonders nett ist Katy aus Mexiko. Sie wartet auf ihren Mann. Laut Atlethen-Tracker wird er kurz nach Dirk ins Ziel kommen. Wir unterhalten uns ein bißchen und merken schnell: Wir hier haben alle die gleichen Probleme. Auch sie hat das Schwimmen nicht gut verfolgen können und auch sie fragt sich ständig, was sie benutzen soll. Handy? Kamera? Gopro? Wir machen aus, dass derjenige, dessen Partner zuerst kommt, Unterstützung kriegen kann, also ich nehme ihre Kamera, oder sie meine Gopro. Je nachdem. Wir haben Glück. darum habe ich den Zieleinlauf als Handvideo und als Gopro-Filmchen. (Thank you Katy!!!!) 

Es ist einfach ein wunderbares Gefühl, wenn der, den Du liebst dann fertig, verschwitzt und glücklich in diesem Zielkanal auftaucht. Einfach nur wunderbar. Denn genau diesen Moment, den hat er sich herbei geträumt. In all den vielen Stunden, in denen er vorher trainiert hat und in den harten Renn-Momenten im Meer, auf der Radstrecke nach Hawi und beim laufen im EnegyLab.  Endlich vorbei und endlich da. Dieser Moment, der so viel wett macht - der Zieleinlauf bei den Weltmeisterschaften auf Hawaii. "Dirk. You are an Ironman." Gänsehaut. Tränchen im Auge vor lauter Stolz und Glück. Danke, Flitzi. You are my Ironman. 

(Auch wenn es in Wahrheit manchmal furchtbar anstrengend mit dem ganzen sporteln ist. )

 

P.S.: Unter dem Zielbogen hat Dirk sogar noch ein kleines Tänzchen aufgeführt. :) Die Fotos dazu gibt es in seinem Rennbericht.

 

P.P.S: Dankeschön für´s Lesen. Nach und nach erzählen wir hier noch ein wenig über unsere Reise. Denn wir haben nach dem Ironman erst mal Urlaub gemacht. Und: der nächste Ironman steht schon im Kalender. :)

 

P.P.P.S: 1000 & 1 Mal Danke auch an jeden einzelnen, der uns und mir Nachrichten geschickt hat und uns bei diesem Abenteuer begleitet hat. Gerade am Renntag hatte ich so viel Spaß mit Euch! Und ich war auch nicht so alleine. Von Herzen Dankeschön! Auch vom Flitzi. :)


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