Die andere Seite_2

Eigentlich wollte Dirk jetzt mal etwas  "fachmännisches" posten. Das "Wettkampfmaterial" vorstellen, oder was über Ernährung schreiben, über die selbstangemischte "Malto-Lösung" zum Beispiel. Immerhin gehts hier ja schon ernsthaft um Triathlon. Und nicht nur um meinen Part. Dies nur mal als Hinweis für die sportlich Interessierten unter Euch. Bald gibts was mit Substanz.  Versprochen. Aber, und das könnt Ihr bestimmt am besten verstehen, zwischen Beruf und Training vor Hawaii hat man auch nicht Uuuunmengen an Zeit. Und weil den letzten Post so viele gelesen haben und wir uns so freuen, dass es auch einigen gut gefallen hat, bin ich hochmotiviert, Euch noch mal auf die "Andere Seite" der Medaille zu ziehen. 

 

Steigt ein, wenn Ihr möchtet und kommt mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt mit körperlichen Schmerzen. Denn genau so ist ein Wettkampftag auch für Begleiter, die ihr Tri-Konfekt im Herzen haben.

Aber Vorsicht. Heute kenn ich nix. Heute wird´s ... ein bisschen unangenehm.  Eigentlich lernen wir uns ja hier gerade erst kennen, ich mach´s aber trotzdem. Dann ist´s raus. Befreit auch irgendwie.

 

Die Anspannung für die Begleitung geht ja schon Tage vorher los. Und am Abend davor ist es bei mir, als würden die ganzen Ameisen aus meinem Garten ebenfalls am Start sein. Ich bin nervös. Sehr. Tue aber so beruhigend-lässig. Alles Fassade. 

 

Ich erinnere zum Beispiel das Viertelfinale der EM gegen Italien im letzten Jahr. Verlängerung. Vor (!) dem Elfmeterschießen (!!) geht Dirk ins Bett. Am nächsten Tag ist Ironman. Um 03:20 Uhr geht der Wecker. Ich schaue weiter, packe meinen Rucksack. Neuer hält. Hector trifft. Gewonnen. Bei uns vor der Tür gibt´s kein Halten mehr. Und jeder drückt auf die Hupe. Ich mache mir Sorgen. Haste da einen liegen, der am nächsten Tag diese unmenschlichen Kilometer abhottet, dann kannste zum Ninja-Kämpfer werden. Grrrrrrrrrrr.  Bin ins Bett. Und konnte nicht schlafen. Die Fussball-Fans. Und die Ameisen. grrrrrrrrrchrrch. Dirk schnarcht. Hach.... ♥︎

 

Zum Kämpfer wirst Du dafür am Wettkampftag.  Allerspätestens dann, wenn Du beim Ziel in die vorderen Reihen MUSST. Ich kann dann nicht nur hart gegen die anderen sein, sondern auch gegen mich selbst.

 

Denn das Jahr vorher (das war übrigens das Rennen, wo er 10 km vor dem Ziel geschimpft hat, als ich keine Zwischenzeit durchgeben konnte), da bin ich kurz danach Richtung Ziel zum Römer in Frankfurt gehechtet.

Und verdammt noch mal.... ich musste mal... so sehr, wie noch nie zuvor. Was machste dann? Wenn Du nicht mal das Wort "ZieleinLAUF" denken kannst, weil Dir gleich die schlimmste Peinlichkeit der Welt passiert,  und Du einfach kein Klo siehst und wenn, dann ist die Schlange an Menschen so, dass Du Dich da nicht aufhalten brauchst. In Bewegung bleiben. Ist besser, als stehen bleiben. Wie beim Dirk. 

Ich war sehr verzweifelt. Keine Zwischenzeit parat und gleich werde ich obendrauf noch den Zieleinlauf verpassen. Nix Ninja-Kämpferin,´n armseliger Tropf war ich. Und ich schwöre, hier ist nichts geschwindelt.

Ich war dann doch noch in einer der vorderen Reihen und nicht auf dem Klo. Und muss jetzt die größte Peinlichkeit der Welt gestehen. Denn: ich habe den Zieleinlauf trotzdem verpasst. Aber, nicht, was Ihr jetzt denken müsst. Es war schlimmer und.....fast noch peinlicher.

Es gibt sogar ein schändliches Beweisfoto.  (Ich finde es aber gerade nicht). Während Dirk einläuft, sieht man die ganze Tribüne, die es in Frankfurt am Ziel gibt, und in (Gott sei Dank) ganz klein:  mich, wie ich merkwürdig verkrampft da stehe und.......aufs Handy starre.

Der Athleten-Tracker behauptete nämlich immer noch,  dass Dirk kurz vor km 41,3 sei. Ich klicke "Aktualisiere"... klicke wieder. Versuche nicht zu müssen. Klicke. Klicke. Lächle entschuldigend die Dame an, an der ich mich nun schon vor über 10 Minuten mit den Worten: "Darf ich kurz? Mein Mann kommt gleich" vorbeigedrückt habe. Klicke. Da höre ich plötzlich den Moderator Dirks Namen rufen, gefolgt von: "You are an Ironman." 

Häh??? Der Dödel hat den falschen Namen, er ist doch noch immer nicht bei Kilometer 41. Ich gucke hoch. Und sehe , wie tatsächlich mein Dirk.......schon hinter dem Ziel ist. Verdammt. (Habe ich je andere als "Dödel" und mich selbst als heldenhafte Ninja-Kämpferin betitelt?)

Ich fühlte mich, wie die armseligste aller Begleitungen, die sich auch noch einnässen wird, wenn sie nicht zackig ein Klo findet.

Am Ende ging zumindest das glimpflich aus. Klo gefunden. (Notiz an mich: Auf Hawaii: Nicht ausschließlich auf eventuellen Pancake-Stand fokussieren. Wichtiger: Toiletten im Vorfeld ausfindig machen und sicherheitshalber regelmäßig besuchen.)

Die ganze Geschichte war, nachdem ich Dirk endlich gesehen habe am Ende des Tages natürlich nur eine Randnotiz. Auf ihn und seine Leistung war ich dann wieder so stolz, dass sich das Begleiter-Leben wieder gut anfühlte. Aber jetzt, mit Abstand betrachtet - es fuchst mich noch immer. 

 

Bin ich eigentlich die einzige Begleitung, die einen Zieleinlauf verpasst hat? Vielleicht hat ja jemand Lust, hier in den Kommentaren, oder auf der Facebook-Seite von anderen schlimmen Begleiter-Erlebnissen zu erzählen. Vielleicht hilft es der armseligen Pseudo-Ninja-Kämpferin mit Ameisen-Kompanie über die Schmach von 2015 hinweg, als sie ihr Tri-Konfekt beim Ziel nicht bejubelt hat. *schnief*

 

 

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Franzelchen (Donnerstag, 28 September 2017 22:22)

    Einfach nur herrlich, Tina!

    ...Biiiisschen lustiger als Malto-Lösungen. ;)

  • #2

    Tina (Freitag, 29 September 2017 23:11)

    @ Franzelchen: ♥︎

  • #3

    Jennifer E. (Montag, 02 Oktober 2017 11:27)

    Einfach eine herrlich erfrischende Art zu schreiben. Weiter so! Freue mich schon auf Nachschub ��

  • #4

    Holger (Dienstag, 03 Oktober 2017 18:48)

    Ich kenne das Ironmangeschehen als Finisher und als Zuschauer. Meine Taktik war immer , trink so wenig wie möglich an diesem Tag, denn ein Klo ist nie da wo es grad gebraucht wird. Aber du hast recht, es ist anstrengend als Zuschauer. Die Ironmänner und Ironmanfrauen haben den Vorteil das ihnen der Weg freigemacht wird, während wir Zuschauer ums nackte Überleben kämpfen müssen. Aber du beschreibst das so schön...

  • #5

    Maik (Sonntag, 08 Oktober 2017 19:45)

    Wenn du musst, dann musst du eben.. �.
    Witzig mit deiner neuen Taktik, Klos strategisch zu sichten und aufzusuchen!
    Ich glaube aber, es wir so heiss, dass du sowieso alles ausschwitzen wirst, oder?
    Schön geschrieben, liebe Tina!

  • #6

    Marcel (Freitag, 13 Oktober 2017 11:09)

    Mach dir keine Gedanken, ich bin 2015 im Zielkanal in Roth an meiner besseren Hälfte vorbei gelaufen. Sie hat mich nicht gesehen und ich dachte Sie steht weiter vorne... Ich bin dann erstmal zur Massage und zum Duschen gegangen und nach 1 Std. oder sogar mehr gab es dann ein freudiges Wiedersehen (zumindest für mich;-)) Viel Spass auf der Insel.